Aus 100 working SPACES (Ausgabe 2016/2017) – BUY NOW

Science-Fiction im Büro

Oliver Bertram und Johannes Mücke von Wideshot im Gespräch mit 100 Spaces.

Autor: Manuela Hötzl Fotos: Bengt Stiller, Romina Hafner

Beide Architekten haben in Wien an der Universität für angewandte Kunst studiert, Bertram hat dort auch jahrelang unterrichtet. Einer ging in die Spielindustrie, der andere in den realen Themenpark und nun verbinden sich die Welten in der Kreation von Neuem – im Film und im Büro. Bei Wideshot.

Wideshot Design wurde 2010 von Johannes Mücke und Oliver Bertram gegründet. Inzwischen
arbeiten mehr als 15 Mitarbeiter in den zwei Abteilungen
Arts & Entertainment und Architecture & Design. Neben Büro-Projekten für Bank Austria und Kapsch wurde auch das „Moon Tug“ – ein Raumschiff für den Roland Emmerich Film Independence Day 2 von den Architekten entworfen. 

Weitere Projekte von Wideshot Design in 100 SPACES:
Bank Austria Campino / Kapsch /
Austro Control / Kununu 

Zwischen Spieldesign, virtueller Architektur und realen Bürowelten bewegen sich die Architekten von „Wideshot“. Was ist das verbindende Element des Raumschiffs in Independence Day und der Kapsch-Bürowelt?

Die Art der Aufgabe ist gar nicht so unterschiedlich, wie man glauben möchte. Im Film, auch wenn es um Science-Fiction-Design geht, müssen wir an existierende, sagen wir, Sehgewohnheiten anknüpfen. Man kann zwar einen Science-Fiction-Film machen, der visionär ist. Dann wäre das allerdings ein absolutes Kunstprodukt für ein kleines, sehr gut informiertes Publikum. Dazu hätten wir uns schon etwas einfallen lassen. Aber die Kunst liegt darin, etwas zu entwerfen, das neu ist und obendrein dem Zuschauer den Weg ebnet, dieses Neue auch zu verstehen – oder nachzuvollziehen. Das ist der Trick dabei. Bei den neuen Bürowelten ist der Ansatz ähnlich. Es geht nur darum, dass man sehr flexibel sein muss, sich geistig mit der Aufgabe auseinanderzusetzen, und auch bereit sein muss, die Konventionen der bisherigen Arbeit über Bord zu werfen.

Wenn man vom Büro der Zukunft spricht: Im Film kann man doch noch mehr „Zukunft“ – oder besser eine „Zukunftsvision“ – erzeugen …

Natürlich, aber im Film hat man genauso Konventionen, die man bedienen muss. Und der wesentliche Unterschied ist die Feedbackschleife – ein Kinopublikum trifft man nicht. Ein Büro entwickelt man sehr oft – und immer öfter – mit den Menschen, die dort arbeiten, gemeinsam. Das ist uns auch sehr wichtig.

Wideshot hat sein erstes Projekt, ein Raumschiff in einem Themenpark, entwickelt. Wie kam es zu dem Namen – noch ohne Filmkenntnis?

Wideshot bezeichnet die „Totale“ im Film, den „establishing shot“. Das heißt, man sieht die Protagonisten in ihrem Umfeld als „selbsterklärendes Bild“ – es definiert, wie die Protagonisten zueinander stehen oder wie der Protagonist zum Rest der Welt steht. Und es ist das „eine“ Bild, das den Film erzählen soll. Wir, Johannes Mücke und ich, haben unsere Firma gegründet – anlässlich des Themenparks, weil auch da geht es um eine „Weltenentwicklung“, ein Szenario, das in sich funktioniert, und um eine intellektuelle Auseinandersetzung mit der Fortführung einer Formensprache und der Perfektionierung, in einem gewissen Rahmen, wie diese Welt – und das auf jeden Fall gemeinsam mit dem Auftraggeber – entstehen soll.

Die Familienaufstellung …

Ja genau, das wäre so ein Wideshot, da sieht man den einen da, den anderen dort – das ist so wie in dem Film „Dogville“ von Lars von Trier, mit den aufgemalten Grundrissen. Ein optimales Bild, um eine Raumstruktur zu erklären – eine, die auch ohne Wände funktioniert. Es gibt die Mischung zwischen dem, was ein Bühnenbild, eine Szene oder auch ein Szenario ist. Es geht um den Kontext, das räumliche Erscheinungsbild und das räumliche Ergebnis. Im Büro – und im Film – und überhaupt in Computerspielen. Uns kam der Trend zu Bürowelten, die Tendenz des Eskapimus in den Büros, sehr entgegen. Es waren plötzlich Räume gefragt, die neu geschaffen werden mussten, die eigentlich mit dem, was man sich konventionell unter einem Büro vorstellt, nichts mehr zu tun haben.

Das ist spannend, diese Schnittmenge, innerhalb des Büroalltags eigene
Welten zu schaffen – und eure Idee, die virtuelle Welt in eine reale zu
übersetzen. Aber jede Firma hat andere Ansprüche. Wie geht ihr da heran?

Natürlich ist jedes Unternehmen anders – zwischen Kununu mit 80 Arbeitsplätzen und der Bank Austria mit 4.500 Arbeitsplätzen ist schon strukturell ein großer Unterschied. Allein im Planungsprozess. Wesentlich ist auch, ob es ein börsennotiertes Unternehmen ist oder vom Eigentümer geführt – wie etwa bei Kapsch. Und Betriebsräte haben einen großen und wichtigen Einfluss auf die Planung. Mein Partner Johannes Mücke sagt immer: „Man kann Räume für Funktionen bauen, aber wir bauen auch Räume, die Geschichten erzählen.“ Diese Geschichten sind das, was in diesen Rückzugsorten erzählt werden kann.

Wie war das bei Kapsch? Da finden sich ja äußerst unterschiedliche Räume: ein Boxring, ein New Yorker Loft etc.

Bei Kapsch war der Prozess sehr spannend. Die Aussage war klar, wenn „wir neu planen, machen wir einen großen Sprung nach vorne – für die Mitarbeiter und eine junge Generation“, und so durften wirklich alle ihre Wünsche äußern und haben bis zum Schluss, eigentlich bis heute, die Räume mit- und weiterentwickelt. Für das Loft hat ein Mitarbeiter sogar einen Graffiti-Künstler bestellt.

Branding ist wichtig?

Ich bin sehr vorsichtig mit Branding. Erstens ändert sich der Brand manchmal schneller als die Bürolandschaften und man hat sich schnell sattgesehen, wenn überall ein Logo zu finden ist. Die Arbeitswelt soll die Mitarbeiter halten – und deswegen ist es wichtiger, dass die sich dort wohlfühlen und eben in den Prozess eingebunden sind. Und so kommt es zu einem Weinlokal bzw. einem Heurigen (natürlich nur als Dekor) – oder dem Boxring im Besprechungszimmer. Es ist wirklich toll geworden und hat auch richtig Spaß gemacht.

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